Entzugssymptome: Antidepressiva nicht absetzen – oder doch?
Knapp 1,8 Milliarden Tagesdosen Antidepressiva wurden im Jahr 2022 hierzulande verschrieben. Abhängig machen sollen die entsprechenden Arzneimittel zwar nicht, dennoch könnten beim Therapieende Entzugssymptome auftreten, so die vorherrschende Meinung. Sollten Antidepressiva folglich besser nicht abgesetzt werden? Eine neue Studie liefert eine Antwort.
16 Prozent der Bürger:innen leiden hierzulande an Depressionen. Behandelt wird neben einer Psychotherapie vor allem medikamentös, unter anderem mit trizyklischen oder tetrazyklischen Antidepressiva, Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern, Selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern und Monoaminooxidase-Hemmern. Die entsprechenden Arzneimittel sollten dabei besser nicht abrupt abgesetzt, sondern ausgeschlichen werden, um Entzugssymptome zu vermeiden, so die vorherrschende Meinung. Doch es zeigt sich: Ein Absetzen von Antidepressiva führt zwar mitunter zu Beschwerden, aber teilweise nur, weil diese auch erwartet werden. Stichwort Nocebo-Effekt.
Zur Erinnerung: Konzentrieren sich Patient:innen zu sehr auf mögliche Nebenwirkungen von Arzneimitteln, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese tatsächlich auftreten – teilweise sogar, wenn das Präparat gar nicht oder stattdessen ein Scheinmedikament eingenommen wird. Etwas, das eigentlich gar nicht da ist, macht also krank. Die Ursachen dafür sind meist psychisch bedingt.
Antidepressiva: Entzugssymptome beim Absetzen schon erwartet
Forschende der Berliner Charité und der Universität Köln haben untersucht, welchen Einfluss das Absetzen von Antidepressiva auf das Wohlbefinden von Patient:innen hat. Dafür haben sie Daten aus knapp 80 Studien herangezogen, bei denen die Teilnehmenden entweder ein Placebo oder ein verordnetes Antidepressivum absetzten. Während in der zweiten Gruppe rund drei von zehn Patient:innen mindestens ein Entzugssymptom wie Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen und Reizbarkeit zeigte, war es in der Placebo-Gruppe immerhin jede/r Sechste. Demnach klagten selbst Personen über Symptome, die kein entsprechendes Arzneimittel eingenommen und dieses folglich auch nicht abgesetzt hatten.
Den Grund sehen die Autor:innen in den vielfach kursierenden Warnungen vor einem Absetzen. Folglich trage die Erwartungshaltung entscheidend zum Auftreten von Symptomen nach einem Antidepressiva-Stopp bei. Somit seien lediglich bei etwa 15 Prozent der Patient:innen beim Absetzen von Antidepressiva tatsächlich entsprechende Symptome durch den Einnahmestopp selbst zu erwarten. Die Dauer der Einnahme spielt dabei laut den Forschenden offenbar keine entscheidende Rolle. Zudem ließen sich keine Unterschiede zwischen einem abrupten Absetzen und dem langsamen Ausschleichen feststellen.
„Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen wird Antidepressiva ohne relevante Symptome absetzen können. In den allermeisten Fällen ist daher kein langwieriges oder kleinschrittiges Ausschleichen der Medikation nötig“, so das Fazit. Dennoch sollten Patient:innen die jeweiligen Arzneimittel nicht auf eigene Faust absetzen, sondern nur unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle. Außerdem brauche es weitere Untersuchungen, um die Ergebnisse zu verifizieren.
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